19.09. – 25.10.2026
https://www.kunst-und-gewerbeverein.de/programm/id/100-jahre-jahresschau
Mein Beitrag zum 100 jährigen Jubiläum: „eingebunden und aufrecht“

eingebunden und aufrecht
2021/2022, Acryl auf Leinwand, 210 x 60 cm
von Winfried Heidrich
Was in diesem Gemälde einer weiblichen Figur des Bad Abbacher Künstlers Peter Nowotny sofort auffällt: die Figur hat kein Gesicht. Zugleich scheint dieses Bild in seiner Einfachheit und Klarheit vollkommen zu sein. Als ob nichts fehlte. Formen und Farben der Kleidung lassen an die Vielfalt und Buntheit des Lebens denken. Durch die Betonung exakt gemalter Linien bekommt das Bild etwas Abstraktes. Nur die Frisur und die gemalten Ohrringe geben dem Bild eine persönliche Note und der Phantasie des Betrachters eine Ahnung davon, wie ein Gesicht aussehen könnte. Der Figur fehlen Arme und Füße. Wer diese weibliche Figur sein könnte, lässt der Maler bewusst offen. Die Modelle seiner Malerei findet Nowotny in Figuren der Renaissance, in Fotos oder in Abbildungen zeitgenössischer Werbung.
Die Malerei Peter Nowotnys ist inspiriert von der byzantinischen Ikonenmalerei. Woran lässt sich dies erkennen? Einmal füllt die Figur den gesamten Bildraum aus. Dabei „schaut“ uns das leere Gesicht mit seinem ikonischen Antlitzes frontal an, wie in einem Andachtsbild. Die Figur selbst ist nicht plastisch, sondern zweidimensional gemalt und auch die Linien des Kleides und des Turbans sind der Bildsprache von Ikonen entlehnt. Sind die einem strengen Kanon unterliegenden Linien in den Gewändern von Ikonen schwarz und die Gewänder selber farbig gemalt, malt Nowotny umgekehrt die Linien der Kleidung farbig und die Stoffe selbst fast farblos. Was man in der Abbildung kaum erkennen kann, ist der leicht silbern glänzende Firnis des Bildhintergrundes der Figur. Auch Gold benutzt der Maler als Bildhintergrund in vielen seiner Bilder. Gold und Glanz stehen in der byzantinischen Kunst für das Göttliche: Die Heiligen der Ikonen schauen uns aus einer jenseitigen Welt an.
Hinter der streng reduzierten Linienführung der Figuren liegt ein langer malerischer Weg des Künstlers. Ende der 80er Jahre hat Nowotny die Linien der Figuren noch expressiv gemalt, sie trugen Schatten, Ausfransungen, Verästelungen. Dann verloren sich die Schatten an den Rändern der Linien, die Linien wurden betonter und schärfer. Schließlich wurden die Verästelungen, welche die großen Linien untereinander „erzählerisch“ verbunden haben, immer weniger. Bis sie von der Leinwand ganz verschwunden waren. Dieses malerische Aufräumen im Bildraum ging so lange, bis Peter Nowotny zu seiner streng abgegrenzten Linienführung gefunden hat. Wie es in diesem Bild zu sehen ist. Das, was einmal üppig und expressiv war, ist nun „eingebunden“ in große, klare Linien.








