BrAiN / StOmAtA

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Metamorphosen

Peter Nowotny, der Künstler und Ingenieur, ist fasziniert von Daphne: der Frau, die sich einer drohenden Vergewaltigung entzog, indem sie sich in eine Pflanze verwandelte. Wobei ihn nicht so sehr der Straftatbestand beschäftigt – er ist schließlich kein Jurist –, sondern der Prozess der Metamorphose oder Transformation. Sein neuer Katalog trägt auch nicht zufälligerweise den Doppeltitel „Brain  Stomata“. Das sind die Orte bzw. Organe, wo die Kommunikation und der Transfer zwischen Außen- und Innenwelt stattfindet. Man erkennt sich nicht nur – uralter romantischer Topos – im Anderen, sondern man wird der Andere oder aber der Andere wird zu einem selbst. Man ist zusammengesetzt aus dem, was man nicht ist. Man nennt das Stoffwechsel. Man könnte auch sagen „Ich ist ein Anderer“ – in einer etwas weiteren physischeren Bedeutung als der, die einst Rimbaud im Auge hatte.

Wer weiß, wie sehr Nowotny der Nobelpreis für Louise Glück begeistert, wer ihm zuhört und erfährt, wie ihn „nature writing“ in all ihren Spielarten in den Bann zieht, wer ernst nimmt, was er sagt: dass er der Spur folgt, die in all dem angelegt ist und dass sich sein eigenes Werk dadurch verändert, der ist dann doch überrascht, wenn er Nowotnys neue Arbeiten sieht. Denn Nowotny bleibt – glücklicherweise! – Nowotny und ein wenig zugespitzt könnte man sagen, die innere und äußere Natur, der „Stoff“, die Materie sind bei ihm Leerstellen. Oder radikaler noch: ihre gesteigerte, noch intensivere Präsenz zeigt sich in ihrer konsequenten Abwesenheit. So wie er einst von den jüdischen und islamischen Hochkulturen, den

Bilderverbotsreligionen lernte, dass man Gott, das, was einem das Wichtigste ist, nicht entweihen und banalisieren darf. Was man unweigerlich tut, wenn man das Höchste, das Transzendente, das, was sich nicht zufällig unseren Blicken, ja sogar Worten entzieht zum

Gegenstand unserer Vorstellung macht. Man muss, auch wenn es schwerfällt, darauf verzichten, das, wonach man sich sehnt, festhalten oder auch „nur“ festschreiben zu wollen. Deshalb ist in Nowotnys großartiger Kunst alles Zeichen, Verweis. Die Fülle erscheint dadurch, dass man das Überflüssige löscht. „Leer werden von allem Leeren“ heißt das bei Meister Eckhart, dem so überaus einflussreichen Mystiker, dem wir auch Begriffe wie „wirklich“, „Wirklichkeit“, verdanken, die uns längst selbstverständlich geworden sind.

Peter Nowotny ist ein Meister der Metamorphose; der permanenten Verwandlung, ohne die es unsere Welt nicht gäbe. Wer alles besitzen will, wird unweigerlich arm; wer immer nur sich sieht, zum Gewalttäter. Theodor W. Adorno, der in Natur und Kunst ein letztes Refugium in der verwalteten Welt sah, erkannte in der Liebe die Fähigkeit, das Ähnliche im Unähnlichen wahrzunehmen. “Heimat“ ist nur dort, wo alles anders ist – und anders bleiben darf.

Dr. Helmut Hein
Philosoph und Kulturjournalist